• Beschreibung

  • Videotranskript

Innovation Squared: Was braucht es für Innovation?

Erfahren Sie mehr über die Voraussetzungen von Innovation im Gespräch zwischen Dr. Peter Kufer – Geschäftsführer der Amgen Research (Munich) und Entwickler der BiTE® Technologie – und Dr. David Putrino – Direktor für Rehabilitationsinnovation am Mount Sinai Abilities Research Center in New York City.

DEU-NP-0923-80003
DEU-NP-0923-80004


David Putrino: Hey, Peter. Schön, dich kennenzulernen.

Peter Kufer: Hi, David. Schön, dich zu sehen. Vielleicht kann ich ein bisschen über mich erzählen. Ich bin seit den 1990er Jahren in der Forschung tätig, in verschiedenen Rollen und Organisationen. Und ohne Innovation wäre unser Fortschritt dabei, Patientinnen und Patienten zu helfen, nicht möglich gewesen. 

David Putrino: Das ist großartig. Zu meinem Hintergrund: Ich bin Direktor der Reha-Innovation. Das ist eine Position, die es nicht gab, bevor ich zum Mount Sinai kam. Das Mount Sinai ist ein ziemlich großer Gesundheitsdienst in New York City. Es ist der größte in New York. Er umfasst acht Krankenhäuser und wir behandeln Millionen von Patientinnen und Patienten. Wir unterstützen Patientinnen und Patienten mit chronischen Erkrankungen, wir arbeiten mit Hochleistungssportlern, mit Partnern wie Red Bull oder den Brooklyn Nets. Wir arbeiten zum Beispiel auch mit Kindern, die Lungenerkrankungen haben. Wir sind über das gesamte Fähigkeits-, Alters- und Technologiespektrum hinweg tätig. Wir arbeiten sowohl mit wirklich einfachen Methoden wie Blutdruckmanschetten, bis hin zu sehr komplexen Technologien. Eines unserer neuen Projekte ist ein Gehirnimplantat, das durch die Halsschlagader in den Körper gelangt. Es ist also ein wirklich breites Spektrum an Technologien und Anwendungen.


Peter Kufer: Was ich mache, konzentriert sich mehr auf eine bestimmte Art von Technologie. Wir arbeiten an mehreren Arzneimitteln für die Behandlung von verschiedenen Arten von Krebs. Der Wirkmechanismus wird als BiTE®-Modalität bezeichnet. Er ermöglicht den T-Zellen, die die stärksten Abwehrzellen in unserem Immunsystem sind, Krebszellen zu erkennen. Dadurch wirken die BiTE®-Moleküle wie Brillen für die T-Zellen, die so die Tumorzellen einer bestimmten Art von Krebs erkennen können.

Peter Kufer: Glaubst du an glückliche Zufälle?

David Putrino: Ich glaube nicht an eine höhere Macht oder an irgendetwas, das von außen auf uns einwirkt, denn ich bin definitiv Agnostiker. Ein wichtiger Teil meines Innovationsprozesses ist meine Fähigkeit, Risiken zu absorbieren. Und ich denke, dass ich diese Fähigkeit aufgrund der Privilegien habe, die ich in meinem Leben hatte. Wir müssen versuchen, ähnliche Möglichkeiten für alle Menschen zugänglich zu machen, wenn wir wollen, dass Innovation wirklich universell ist. 

Peter Kufer: Zufall ist kein trivialer Begriff. Ich neige dazu, zu glauben, dass Fügung oder so etwas ähnliches existiert. Denn ich denke, viele von uns haben die Erfahrung gemacht, dass man nichts hört, weil es keinen Ton gibt, aber man vielleicht auch deshalb nichts hört, weil man nicht zuhört. Sollen wir es mit einem der Papiere aus dem Glas versuchen?

Peter Kufer: Ich begann mein Medizinstudium an der Universität München, aber auf halbem Weg erkannte ich, dass das klassische Berufsprofil eines Arztes nicht mein Ding sein würde. Und so habe ich zwar weiter Medizin studiert, aber ich habe die Richtung gewechselt, zur Immunologie, Immuntherapie und Arzneimittelentwicklung. Was ich von dir gehört habe, ist, dass du mit Physiotherapie angefangen und dann auch die Richtung gewechselt hast. Was hat dich dazu veranlasst?

David Putrino: Ich wusste, dass ich etwas Medizinisches machen wollte, etwas Klinisches. Kurz bevor ich die Entscheidung treffen musste, brach ich mir ziemlich schlimm das Bein und landete für eine Weile im Krankenhaus. Es war ein sehr langer Reha-Prozess. Ich lernte all die verschiedenen Teile des medizinischen Systems kennen, die im Reha-Prozess zur Anwendung kommen. Und ich habe mich fast sofort mit allen Physiotherapeutinnen und -therapeuten gut verstanden. Sie waren diejenigen, die mit mir auf einer menschlichen Ebene verbunden waren. Sie waren diejenigen, die sich wirklich dafür einsetzten, dass es mir besser gehen würde. Und als ich dann fertig war, war die Medizin quasi schon in meinem Rückspiegel, ich wollte Physiotherapeut werden. Ich wollte mich auf die Rehabilitation konzentrieren. Ich beschloss, mich darauf zu fokussieren, wie man Technologien nutzen kann, die wir für vielversprechend halten, und noch wichtiger, die den Patientinnen und Patienten vielversprechend erscheinen, wenn sie zu uns kommen und sagen: Das hilft mir tatsächlich. Und wie können wir das dann validieren und in den medizinischen Mainstream integrieren? Als ich meine Aufgabe übernahm, ging es im Wesentlichen darum, eine zentrale Herausforderung zu lösen: Die Zeit zu verkürzen, die eine Gesundheitstechnologie braucht, um vom Labor zum Krankenbett zu gelangen. In den USA dauert es im Durchschnitt 17 Jahre, bis eine Gesundheitstechnologie von der Forschung in die Praxis kommt. Glücklicherweise ist das Mount Sinai sehr auf Innovation fokussiert. Deshalb gab man mir das Vertrauen und die Freiheit, diese Herausforderung anzugehen. Und seitdem haben wir eine wahre Explosion an neuen Technologien erlebt, die in die Hände von Patientinnen und Patienten gelangen. Wir haben eine Menge aufregender Reha-Technologien ins Leben gerufen.

Peter Kufer: Großartig. Das ist wirklich interessant. Und die 17 Jahre kommen mir bekannt vor. Die Entwicklung der BiTE®-Technologie, die ich ja schon kurz vorgestellt habe, brauchte von der ersten Idee bis zum Patienten ungefähr 20 Jahre, also Jahrzehnte.

David Putrino: Also vor diesem Hintergrund, wie gelingt es dir, die Patientin oder den Patienten, den Menschen, das Leben, im Blick zu behalten, wenn du im Labor bei Amgen arbeitest?

Peter Kufer: Wir entwickeln Arzneimittel für Krebspatientinnen und -patienten mithilfe der Biotechnologie. Und es ist eine, ich würde sagen, gewisse heilige Ungeduld dabei im Spiel, denn du weißt: Patientinnen und Patienten mit lebensbedrohlichen Erkrankungen, sind die Patientinnen und Patienten, die einfach keine Zeit haben. Die Mission, die wir haben, ist es, diesen Patientinnen und Patienten, die dringend auf eine Therapieoption warten, zu helfen. Wo es für mich persönlich wird, ist, wenn man von einzelnen Menschen erfährt, die zum Beispiel von unserer Therapie profitiert haben. 

David Putrino: Es gibt eine Menge Patientinnen und Patienten, an die ich mich erinnere, die gestorben sind, und jedes Mal, wenn das passiert, ist es eine Niederlage und wir müssen umso härter dafür kämpfen, dass sich das System ändert und dass die Menschen die Dringlichkeit verstehen. Wir müssen das System ändern, denn es ist nicht akzeptabel, dass dieser Mensch gestorben ist, weil wir unsere Entdeckung der Allgemeinheit noch nicht zugänglich machen konnten. 

Peter Kufer: Auf jeden Fall, da bin ich ganz deiner Meinung! Man darf nie vergessen, für wen man arbeitet und dass Zeit ein entscheidender Faktor ist für unsere Kundinnen und Kunden, unsere Patientinnen und Patienten.
 
Peter Kufer: Was ist für dich das Wichtigste, um innovativ sein zu können, oder von dem du glaubst, dass man es braucht, um Innovation zu ermöglichen?

David Putrino: Für mich ist es die mentale Sicherheit. Nichts bremst meinen Denkprozess oder blockiert meine Ideen schneller als jemand, der in einer frühen Phase kommt und sagt: Naja, dafür gibt es keine Grundlage in der Literatur. Es ist mir egal, wenn ich dumm dastehe. Es ist mir auch egal, wenn ich falsch liege. Ich liege immer wieder falsch. Wichtig für mich ist, in einem Umfeld zu sein, in dem ich nicht das Gefühl habe, dass die Menschen deswegen schlechter von mir denken. Das ist wichtig für mich und für den Prozess der Innovation.

Peter Kufer: Die Denkweise von Menschen, die immer zu wissen glauben, warum Dinge nicht funktionieren werden, ist definitiv kontraproduktiv und der Innovation nicht dienlich. Für mich, ist einer der Schlüssel zur Innovation die Grundannahme, dass nichts unmöglich ist. Wenn Dinge unmöglich erscheinen, spiegelt dies möglicherweise einfach nur die Unzulänglichkeit von Paradigmen und Dogmen der aktuellen Mehrheitsmeinungen wider. Innovation muss also oft einen Paradigmenwechsel gegen die Mehrheitsmeinung durchsetzen. Ich denke, Innovation braucht wirklich Beharrlichkeit. Und auch Menschen, die darauf achten, dass Zweifel und Bedenken nicht eine kritische Masse erreichen, die zu einem vorzeitigen Abbruch führt. Innovation ist meiner Erfahrung nach in der Regel eine Teamleistung. Es gibt Schlüsselpersonen. Es gibt wichtige Mitwirkende. Aber es ist klar, dass niemand alleine den Weg der Innovation erfolgreich bis zum Ende gehen kann. Das bringt mich zu meinem Lieblingszitat, das den Zwiespalt zwischen dem Möglichen und dem vermeintlich Unmöglichen widerspiegelt. Das Zitat ist von einem deutschen Theologen. Er hat gesagt: „Die Tugend des Alltags ist die Hoffnung, in der man das Mögliche tut, und das Unmögliche Gott zutraut.“ Hast du ein Lieblingszitat?

David Putrino: Mein Lieblingszitat stammt aus dem Bereich der Innovation. Es sind zwei Worte von Barack Obama, als er Kindern einen Ratschlag gab, er sagte nur: „Seid nützlich.“ Die Menschen, die ich getroffen habe, und die ich wirklich mochte, die meisten davon denken so. Das heißt nicht, dass man nicht auch so erfolgreich sein kann, in finanzieller oder beruflicher Hinsicht, aber sie denken immer: Wie kann ich nützlich sein? Wie kann ich mehr Menschen helfen? Was kann ich tun, das meiner Mission dient? 

Peter Kufer: Ich hoffe auch, dass ich vielleicht, wenn ich einmal auf mein Leben zurückblicke, sagen kann, dass ich nicht in erster Linie für mich selbst gelebt habe, sondern dass ich für andere einen Unterschied zum Besseren machen konnte.

David Putrino: Spürst du jemals Widersprüche zwischen Religion und Wissenschaft oder hast du das Gefühl, dass sie sich gegenseitig ergänzen?

Peter Kufer: Für mich widersprechen sie sich eigentlich nicht. Philosophien oder religiöse Überzeugungen bekommen Bedeutung, wenn man an die Grenzen seines Wissens stößt. 

David Putrino: Das ist fast schon eine Grundhaltung für Innovationen, oder? Die puristischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sagen, sie können nur mit Fakten arbeiten, aber ich brauche eine Art Instinkt, Glaube oder Gefühl, dass ich mich in die richtige Richtung bewege, was interessant ist. Vielleicht ist dein Gehirn also auf Innovation programmiert, weil du die Mischung von Wissenschaft und einem starken Glauben in dir trägst.

Peter Kufer: Es war mir eine große Freude, mit dir zu sprechen, David.

David Putrino: Vielen Dank, Peter. Ich muss mal nach München kommen und du nach New York!

Peter Kufer: Auf Wiedersehen.

David Putrino: Auf Wiedersehen.